Veganes Leder: warum mich dieser Begriff stört
Qualität lässt sich fühlen – aber sie entscheidet sich schon viel früher: bei der Herkunft.
Ich trage kein Leder, wenn ich nicht weiss, wie das Tier gelebt hat, dem die Haut gehörte. Das ist mein ganz persönlicher Ausgangspunkt. Ich will keine Tasche, in der das kurze, beengte Leben eines Mastrinds steckt. Oder eine Hose, in der das lichtlose Leben einer Stallziege steckt. Die Frage, die ich mir deshalb stelle, ist dieselbe, die ich mir auch bei sogenanntem „veganem" Leder stelle: Was steckt wirklich drin?
Was in "veganem Leder" wirklich steckt
Der Begriff „veganes Leder" klingt nach Pflanze, nach Natur, nach Verantwortung. Die Realität ist meistens eine andere. Eine unabhängige Materialanalyse des Freiberg Institutes (FILK, veröffentlicht im Fachjournal Coatings, 2021) hat neun gängige Lederalternativen untersucht, darunter bekannte Produkte wie Desserto aus Kaktus, Appleskin aus Apfelresten und Vegea aus Traubentrester. Das Ergebnis: Der Grossteil dieser Materialien besteht aus Polyurethan oder PVC, also Kunststoff auf Erdölbasis. Die pflanzlichen Anteile, die im Marketing im Vordergrund stehen, sind grösstenteils Füllstoffe: Biomasse, eingebettet in eine Kunststoffmatrix. Wie viel Pflanzenanteil tatsächlich enthalten ist, liess sich in der Studie nicht einmal präzise bestimmen, weil die Hersteller dazu keine transparenten Angaben machen. Bei der chemischen Analyse wurden zudem in mehreren Produkten Schadstoffe nachgewiesen: in Desserto fünf eingeschränkte Substanzen, darunter ein Pestizid und freie Isocyanate, in Appleskin Butanonoxim, in Vegea Toluol. Stoffe, die unter EU-REACH als besorgniserregend eingestuft sind und in Produkten, die auf der Haut getragen werden, nichts verloren haben.
Die Herkunft beginnt auf der Weide, nicht in der Fabrik.
Erdöl ist kein neutraler Rohstoff
Doch die Schadstoffe sind nur die eine Seite – die andere liegt im Ursprung dieser Materialien selbst. Was in dieser Debatte selten gesagt wird: Erdöl ist kein neutraler Rohstoff. Für seine Förderung werden Ökosysteme zerstört, Meere verseucht, Lebensräume irreversibel vernichtet – kein direktes Töten eines einzelnen (Nutz-)Tieres, aber massives, strukturelles Tierleid auf globaler Ebene. Leder hingegen ist ein Nebenprodukt der Fleisch- und Milchwirtschaft. Kein Tier wird für die Haut getötet – ihr monetärer Wert beträgt weniger als 1%. Wer ein PU-Produkt trägt und glaubt, damit kein Tierleid zu verursachen, vereinfacht die Rechnung erheblich.
Darf man das überhaupt "Leder" nennen?
Auch der Begriff selbst ist rechtlich fragwürdig. In Frankreich und auch Italien ist es bereits geregelt: Materialien ohne tierische Haut dürfen nicht als Leder bezeichnet werden. In der EU definiert die Norm EN 15987 klar, was Leder ist; beschichtetes Gewebe, das einen Ledernamen trägt, erfüllt diese Definition nicht. Besonders deutlich wird die Verwirrung bei Produkten wie Appleskin: Die Apfelreste, die darin verarbeitet werden, wären sonst Kompost geworden. Sie hätten sich in Erde verwandelt, wären zurück in den Kreislauf geflossen. Stattdessen werden sie getrocknet, gemahlen und in Polyurethan eingebettet. Das Ergebnis ist ein Verbundmaterial, das sich kaum trennen lässt, nicht rezyklierbar ist und dessen Lebensdauer bei weitem nicht an die von Leder heranreicht.
Transparenz heisst: man darf genau hinsehen – bis ins letzte Detail.
Die Frage die bleibt
Für mich ist daher klar: Die richtige Frage ist nicht „tierisch oder vegan", sondern: Was ist in diesem Material? Wie lange hält es? Kann es repariert werden? Was passiert am Ende seiner Lebensdauer? Und welche Tiere, welche Ökosysteme, welche Menschen waren an seiner Entstehung beteiligt – sichtbar oder unsichtbar?
Pflanzlich gegerbtes Leder von einem Tier, das auf der Weide eines Biohofs gelebt hat, ist für mich ein ehrlicheres Material als ein PU-Verbund mit Apfelresten, der nach wenigen Jahren zerfällt. Diese Entscheidung muss jede Person für sich treffen. Aber sie kann es nur, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen.
Weiterführende Links:
Die Studie: FILK Freiberg Institute, veröffentlicht im Peer-Review-Journal Coatings (MDPI), 2021, Titel: "Comparison of the Technical Performance of Leather, Artificial Leather, and Trendy Alternatives" Link: https://www.mdpi.com/2079-6412/11/2/226
Mehr zu unserer Herkunft und Arbeitsweise: Über CORII
Häufige Fragen rund um Leder und Herkunft: Good to know
