Ein Blick hinter „Made in Italy"

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„Made in Italy" steht für viele automatisch für höchste Qualität, Handwerkskunst und Luxus. Insbesondere in der Lederwelt hat sich dieser Ruf tief eingeprägt. Doch wenn man hinter die Kulisse schaut, zeigt sich ein anderes Bild: Herkunftsangabe und Qualitätsversprechen sind nicht dasselbe. Und „Made in Italy" ist kein Garant für nachhaltige oder verantwortungsvolle Produktion.

Verarbeitungszentrum statt Ursprungsland

Die italienische Lederindustrie ist zwar ein bedeutender Verarbeiter von Leder. Wie die Recherche „A Tough Story of Leather" der Schweizer Organisation Public Eye zeigt, produziert Italien zwar nur 1% der weltweiten Rohhäute, steht aber gleichzeitig für 17% des weltweiten Werts an fertigem Leder. Ein deutliches Indiz dafür, dass Italien vor allem ein Zentrum der Verarbeitung ist, nicht der Tierhaltung. Gleichzeitig ist die italienische Gerbereiindustrie stark abhängig von importierten Rohmaterialien: Laut derselben Recherche stammen 97% des in Italien verarbeiteten Leders aus importierten Rohhäuten, nur 25% davon werden überhaupt in Italien von Grund auf gegerbt – der Rest ist bereits im Ausland vorgegerbtes „Wet Blue", das in Italien lediglich fertigveredelt wird. Bei den Rohhäuten selbst kommen laut der Studie die grössten Mengen aus Frankreich (25,7%), Deutschland (11,4%) und Grossbritannien (8,8%); beim vorgegerbten Wet-Blue-Leder liegen Brasilien (19,6%), die USA (10,6%) und Paraguay (8,1%) an der Spitze.

Italien ist also vor allem ein Zentrum der Verarbeitung, nicht der Tierhaltung. Diese Trennung von Herkunft und Verarbeitung spricht klar dafür, dass Qualität nicht automatisch am Herkunftsland festgemacht werden kann.

Bevor eine Haut zu „italienischem Leder" wird, hat sie oft schon eine lange Reise hinter sich – von der Tierhaltung im Ausland bis zur Gerberei.

Qualität ist keine Frage der Postleitzahl

Häute, die in Italien gegerbt werden, können qualitativ sehr unterschiedlich sein, abhängig von Tierhaltung, Transport, Gerbprozessen, verwendeten Chemikalien und Umweltstandards entlang der gesamten Lieferkette. „Made in Italy" sagt dazu nichts aus. Das Leder kann aus importierten Rohhäuten aus dem Amazonas bestehen, die unter fragwürdigen Bedingungen produziert wurden, oder es kann bei der Verarbeitung soziale und ökologische Standards unterschreiten. Auch innerhalb Italiens gibt es grosse Unterschiede zwischen Regionen, Betrieben und deren Praktiken.

Schattenseiten der Gerbereidistrikte

Zwar gelten in Italien strengere Umwelt- und Arbeitsstandards als in vielen Produktionsländern des Globalen Südens, doch Herausforderungen bleiben. Gerade in Regionen mit dichter Gerbereikonzentration zeigen sich immer wieder ernste Probleme: Wie die italienische Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore berichtet, wurden im toskanischen Gerbereibezirk Santa Croce sull'Arno – einem der wichtigsten Lederzentren Europas – über Jahre hochgiftige Rückstände aus der Gerbereiproduktion unter Beteiligung mafiöser Strukturen illegal entsorgt: als vermeintlich unbedenkliches Baumaterial deklariert, gelangten sie in Strassenfundamente, landwirtschaftliche Böden und Infrastrukturprojekte in der gesamten Region. Wie die Tageszeitung Il Tirreno ergänzend berichtet, sind mittlerweile rund 60 kontaminierte Standorte in der gesamten Toskana bekannt, mit Chrombelastung von Boden und Grundwasser. Auch im süditalienischen Solofra, einem weiteren bedeutenden Gerbereistandort, kommt es wiederholt zu behördlich bestätigten Fällen: Die italienische Nachrichtenagentur ANSA berichtete erst kürzlich über eine Gerberei, die trotz behördlicher Beschlagnahmung weiterhin illegal Chrom in den Fluss Sarno einleitete, bestätigt auch durch offizielle Messdaten der Umweltbehörde ARPAC.

In italienischen Gerbereien wird gegerbt, veredelt und verarbeitet, die Rohware selbst stammt meist aus einem anderen Land.

Transparenz statt Herkunftslabel

Für uns ist klar: Qualität und Verantwortung sind keine geografischen Attribute. „Made in Italy" ist ein Hinweis auf den Ort der Verarbeitung – nicht auf die Qualität des Materials oder die Fairness, mit der es hergestellt wurde. Wir legen deshalb offen, woher die Häute stammen, wie sie gegerbt werden und unter welchen Bedingungen sie verarbeitet sind. Transparenz bedeutet für uns, Rückverfolgbarkeit, ökologische Standards und soziale Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette sichtbar und überprüfbar zu machen, und nicht nur auf ein Herkunftslabel zu vertrauen.

 
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