Der Einfluss der Lederindustrie auf die Landwirtschaft
Ich höre den Satz immer wieder: Leder sei eine treibende Kraft hinter der Rinderhaltung. Und somit sei der Lederkonsum ein Hebel, mit dem sich steuern liesse, wie viele Tiere gehalten werden – und vor allem wie. Weniger Nachfrage nach Leder gleich weniger Tierleid, so die Erklärung. Das klingt logisch. Nur hat es mit der Realität der Landwirtschaft wenig zu tun.
Wer für die Haut bezahlt - und wer nicht
Für einen Hebel braucht es einen Anreiz. Und den gibt es beim Leder schlicht nicht. Keine Bäuerin, kein Bauer bekommt etwas für die Haut eines Rindes. Im Gegenteil: Sie zahlen für deren Entsorgung, wie sie auch für die Entsorgung der anderen Schlachtnebenprodukte zahlen, die anfallen und zusammen rund die Hälfte des Tieres ausmachen. Laut Tarif des Schweizer Entsorgers TMF Bazenheid kostet das aktuell zwischen 15 und 20 Rappen pro Kilo.
Zwar wird der Haut in Ökobilanzen von Leder rechnerisch ein Wert zugeschrieben; zwischen 1 und 3,5 Prozent des gesamten Tierwerts, je nach Studie. Nur landet dieser Betrag so gut wie nie auf dem Hof oder beim Schlachthof. Einzige Ausnahme sind Kalbfelle, die dem Schlachthof bei guter Qualität marginal vergütet werden. Der Hof sieht davon aber nichts. Der Grossteil bleibt beim Häutehändler hängen, der die Haut übernimmt, konserviert, sortiert und weiterverkauft. Auch das ist Arbeit, die etwas kosten darf. Am Ende bleibt ein kleiner Betrag irgendwo in der Handelskette – aber nicht dort, wo über Tierzahlen und Haltungsform entschieden wird.
Was die Politik daraus macht
Das sieht inzwischen auch die Politik so. 2026 hat die EU-Kommission entschieden, Leder aus der Entwaldungsverordnung zu streichen - weil Häute wirtschaftlich schlicht zu unbedeutend sind, um beim Rindfleisch etwas zu bewegen. Kein Hebel, sagt jetzt auch Brüssel. Der Treiber bleibt die Nachfrage nach Fleisch.
Unsere eigene Lieferkette
Uns ist das trotzdem nicht egal. Wir haben keinen Hebel über die Nachfrage – aber wir haben die Wahl, mit wem wir zusammenarbeiten. Deshalb beziehen wir unsere Häute ausschliesslich von kleinen Schweizer Betrieben in Mutterkuhhaltung, mit im Schnitt 16 Tiere pro Hof, Bio Suisse- oder Demeter-zertifiziert. Kälber wachsen dort bei ihren Müttern auf, die Tiere haben Zugang zu Weide und Bewegung. «Feed no food» steht bei diesen Betrieben im Zentrum: Wiederkäuer verwerten nur, was für uns Menschen nicht direkt essbar ist, auf Flächen, die sich für Ackerbau gar nicht eignen. Das macht aus CORII keinen Hebel für die Landwirtschaft insgesamt. Aber es sorgt dafür, dass zumindest unsere eigene Lieferkette stimmt.
Am deutlichsten zeigt sich die fehlende Nachfrage an den Häuten, die gar nicht erst verwendet werden. Weltweit gehen laut einer Analyse des Leather and Hide Council of America jährlich bis zu 40 Prozent aller anfallenden Rinderhäute «verloren»; rund 134 Millionen Stück. Man stelle sich diese Zahl mal vor. Sie werden verbrannt oder landen auf einer Deponie, wo sie beim Verrotten mehr als 40 Millionen Tonnen Co2 freisetzen. Ein wirtschaftlich relevantes Material wirft man nicht einfach weg. Genau das aber passiert, während gleichzeitig Hunderte Millionen Dollar in synthetische Ersatzstoffe aus dem Labor fliessen. Allein 2021 fast eine Milliarde. Das ergibt weder ökologisch noch ökonomisch einen Sinn.
Der eigentliche Hebel liegt bei uns
Für mich zeigt das etwas Grundsätzlicheres: Wir haben den Bezug zu natürlichen Prozessen verloren. Wir wissen kaum noch, wie ein Ökosystem funktioniert, wie ein Hof arbeitet, was auf einer Weide passiert – und treffen dann am Schreibtisch in London weitreichende Entscheide darüber, was „nachhaltig“ ist. Oft, ohne je einen Fuss auf einen Bauernhof gesetzt oder mit einer Landwirtin gesprochen zu haben.
Der eigentliche Hebel für eine bessere Tierhaltung liegt woanders: bei der Nachfrage nach Fleisch und Milch – und die bestimmen wir als Konsumentinnen und Konsumenten, mit jedem Einkauf. Wer wirklich etwas verändern will, muss nicht auf neue Verordnungen warten oder auf Konzerne zeigen, die es schon richten werden. Diese Verantwortung lässt sich nicht outsourcen. Sie beginnt bei uns.
