Sustainable Leather Forum in Paris: Weltpolitik, Eigenlob, und ein Hoffnungsschimmer aus der Normandie

 

Am 7. September versammelte sich zum 8. Mal die internationale Lederbranche in der Maison de la Chimie in Paris. Rund 150 Teilnehmende kamen zusammen, aus Landwirtschaft und Politik, von grossen Marken ebenso wie aus der französischen Lederindustrie mit ihren Gerbereien und Ateliers. Das Programm bestand aus mehreren Roundtables zu unterschiedlichen Themen: Der erste widmete sich der Zukunft der Rohstoffverfügbarkeit und der Tierhaltung, mit Stimmen aus Frankreich, Italien, China, der Türkei und Brasilien. Ein weiterer beleuchtete das Konsumverhalten und die Wahrnehmung von Leder. Dazwischen sprach Edoardo De Paola, Generalsekretär von COTANCE, über die europäische Regulierung: Statt sie nur als Bremse zu erleben, plädierte er dafür, gezielt in Studien und Forschung zu investieren, um mit Fakten und Daten Einfluss auf die EU-Gesetzgebung zu nehmen und das Bild von Leder in Brüssel aktiv mitzuprägen.

Weltpolitik als Einstieg

Eröffnet wurde der Tag mit einer Keynote von Hubert Védrine, dem ehemaligen französischen Aussenminister, der die Lederindustrie in den grösseren Kontext der politischen Weltlage stellte. Als Politologin fühlte ich mich für einen Moment zurückversetzt in den Hörsaal. Ein ungewohnter, aber willkommener Auftakt für eine Branchenveranstaltung.

regenerative leather

Rohstoffe und Rückverfolgbarkeit

Das folgende Panel wurde dann konkreter und zeichnete ein aufschlussreiches Bild der aktuellen Rohstofflage: Chinesische Investoren kaufen sich bei französischen Häutehändlern ein. Italien fehlt es an ausreichend hochwertigem Rohmaterial. Gleichzeitig sinkt die globale Nachfrage nach Leder insgesamt, mit der Folge, dass immer mehr Rohhäute gar nicht erst verarbeitet, sondern deponiert oder verbrannt werden. In meinem letzten Blog habe ich Zahlen dazu veröffentlicht. Die günstigsten Häute (weil schlechte Qualität), wet-salted aus Brasilien, landen heute grösstenteils gar nicht mehr in der Lederproduktion, sondern werden für Food-Zwecke nach Westafrika exportiert.

Auch Rückverfolgbarkeit stand im Zentrum vieler Beiträge, allerdings mit einer Stossrichtung, die ich nicht teile. Diskutiert wurden vor allem Blockchain-Lösungen und DNA-Marker. Mein Verständnis von Rückverfolgbarkeit sieht anders aus: Sie entsteht nicht durch zusätzliche Technologie, sondern durch direkte Beziehungen entlang der gesamten Wertschöpfung. Denn: Keine Technologie wird uns retten.

Viel Eigenlob, wenig Substanz

Insgesamt überwog an diesem Tag eine gewisse Selbstzufriedenheit der Branche. Leder wurde als herausragendes Material gefeiert, atmungsaktiv, langlebig, der bessere Kunststoff-Ersatz. Bezeichnend war dabei das Give-away des Forums: stark pigmentiertes Leder, bei dem von der ursprünglichen Haut praktisch nichts mehr zu erkennen war. Fragen zu Transportwegen, zu schonenden Gerbeverfahren oder zu einem grundsätzlich langsameren, bewussteren Umgang mit dem Material blieben aussen vor. Stattdessen prägte Repräsentation den Tag, auch bei Tisch. Ich habe mir daher über Mittag eine kleine Auszeit gegönnt und bin durch die Gassen von Paris spaziert, mit frischen Himbeeren, einem Pain au Chocolat und einem Café au Lait. Manchmal sagt das mehr über die richtige Richtung als ein Konferenzsaal.

sustainable leather consulting | Nachhaltigkeitsberatung Leder

Mein Highlight: Reforest’Action

Der eigentliche Höhepunkt des Tages lag für mich abseits der grossen Bühne: ein Gespräch mit Reforest'Action. Die Organisation realisiert ein Agroforstprojekt in der Normandie und verfolgt dabei einen Ansatz, der mich überzeugt: Häute aus dieser Landnutzung künftig auch für die Lederindustrie zugänglich zu machen. Landwirtschaft, Aufforstung und Rohstoffgewinnung werden hier von Grund auf zusammengedacht, nicht nachträglich verknüpft. Ich bleibe an diesem Projekt dran und werde berichten, wie es sich entwickelt.

 
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Der Einfluss der Lederindustrie auf die Landwirtschaft